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AnySci - Wissenschaft für Jedermann

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Ich bin Annika Mix, promovierte Biologin und selbstständige Wissenschaftskommunikatorin. Nach einigen Jahren in Forschung und Lehre habe ich die Universität verlassen, der Wissenschaft bin ich aber treu geblieben.

Mit AnySci – Wissenschaft für Jedermann greife ich aktuelle Forschung auf und erzähle sie so, dass jeder etwas spannendes mitnehmen kann. Dabei geht es vor allem um Biologie und Medizin, aber auch um alles andere, was meinen wissenschaftlichen Spieltrieb weckt.

Mir ist wichtig, Forschung so zu erklären, dass sie auch ohne Fachwissen verständlich wird, ohne dabei ungenau zu werden oder Ergebnisse größer zu machen, als sie sind.

Hier werden keine wahnsinnig weltverändernden Studien aus dem Hochglanzprospekt präsentiert, sondern einfach spannende Forschung zum Staunen und ein bisschen zum Lernen ;)

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Gründächer gegen Starkregen

Mit dem Klimawandel nehmen in Deutschland die Voraussetzungen für intensive Starkregenereignisse zu. Gerade in dicht bebauten Städten können große Regenmengen innerhalb kurzer Zeit die Kanalisation überlasten und zu Überschwemmungen führen.

Deshalb werden unterschiedliche Möglichkeiten untersucht, Regenwasser zurückzuhalten und den Abfluss zu verzögern. Eine davon sind begrünte Dächer.

Wie wirksam sie bei Starkregen tatsächlich sind, hat das sächsische Forschungsprojekt MaNuGrün untersucht. Dafür errichteten die Leipziger Wasserwerke gemeinsam mit mehreren Forschungseinrichtungen eine Versuchsanlage mit zehn unterschiedlichen Dachaufbauten (acht begrünte Dächer, ein Kiesdach und ein konventionelles Dach).

Insgesamt führten sie 222 Beregnungsversuche durch. Dabei simulierten sie Starkregen unterschiedlicher Stärke und berücksichtigten auch, wie viel Wasser die Dächer bereits vor Beginn eines Versuchs aufgenommen hatten.

Die Ergebnisse zeigen, dass alle untersuchten Gründächer die Abflussspitzen gegenüber den unbegrünten Vergleichsdächern deutlich reduzierten.

Besonders wirksam war ein intensiv begrüntes Dach mit gedrosseltem Wasserabfluss. In einem der untersuchten Szenarien verringerte es den maximalen Abfluss um rund 90 Prozent und verzögerte den Zeitpunkt des höchsten Abflusses um etwa 20 Minuten.

Dass die Dicke der Substratschicht und der Aufbau der Drainage den Wasserabfluss beeinflussen, ist jetzt nicht wirklich überraschend.

Die Forschenden konnten nun aber genauer un Zahlen fassen, wie stark unterschiedliche Dachsysteme den Abfluss bei verschiedenen Regenintensitäten und Ausgangsbedingungen genau beeinflussen.

Solche konkreten Zahlen sind natürlich für die Stadtplanung von großer Bedeutung. Bisherige Berechnungsmodelle bilden das Abflussverhalten von Gründächern nämlich nicht so differenziert ab.

Auf Grundlage der neuen Messdaten wurde deshalb ein verbesserter Modellansatz entwickelt, mit dem sich ihre Wirkung auf die Kanalisation genauer berechnen lässt.

Auf der Basis dieser Daten kann nun die Anlage von Gründächern gezielter in die Regenwasserbewirtschaftung von Städten einbezogen werden.

Ja, das wirkt alles manchmal ziemlich schleppend, aber immerhin läuft es.

Quelle:
Abschlussbericht zum DBU-Projekt MaNuGrün
doi.org/10.5281/zenodo.21454393

#wasser #regen #klima #stadtentwicklung #DBU #manugrün #umwelt #wissenschaft #wisskomm #anysci

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@daniel_bohrer

Danke für deinen Hinweis, das tut mir wirklich leid. Da hätte ich achtsamer sein sollen. So etwas wollte ich nicht auslösen.

Ich werde in Zukunft sensibler auf solche möglichen Probleme achten und versuchen, sie zu vermeiden.

· Unlisted

Angst vor Spinnen?

Halloween ist die perfekte Gelegenheit, sich einmal mit Tieren zu beschäftigen, die bei vielen Menschen für Gänsehaut sorgen: Spinnen.

Doch warum haben wir eigentlich so große Angst vor ihnen, obwohl die allermeisten Arten für uns im Grunde vollkommen ungefährlich sind?

Eine mögliche Erklärung liegt in unserer Evolutionsgeschichte. Demnach könnte die Angst vor Spinnen ursprünglich auf eine ganz andere Tiergruppe zurückgehen, nämlich auf Skorpione, die ja ihrerseits ebenso Spinnentiere sind.

Ein internationales Forschungsteam untersuchte diese Hypothese anhand einer Onlinebefragung mit 374 Menschen. Die Teilnehmenden bewerteten Bilder verschiedener Spinnentiere danach, wie beängstigend sie diese fanden und wie ähnlich sie Spinnen beziehungsweise Skorpionen sehen würden.

Dabei zeigte sich, dass die beschrieben Angst umso größer war, je mehr ein Tier einem Skorpion ähnelte. Auch Spinnen wurden als beängstigender bewertet, wenn die Teilnehmenden sie als skorpionähnlicher wahrnahmen. Umgekehrt ließ sich die Angst vor Skorpionen nicht durch deren Ähnlichkeit mit Spinnen vorhersagen. Das spricht dafür, dass die Angst eher von Skorpionen auf Spinnen übertragen wird als umgekehrt.

Die Forschenden sehen in ihren Ergebnissen zumindest einen deutlichen Hinweis darauf, dass unsere Angst vor Spinnen zumindest teilweise eine Folge der sogenannten Angstgeneralisierung sein könnte. Dabei überträgt sich die Furcht vor einer bestimmten Gefahr auf etwas anders, ähnliches, das seinerseits durchaus vollkommen ungefährlich sein kann. Aus evolutionärer Sicht wäre das durchaus plausibel, denn Skorpione stellten für unsere Vorfahren vermutlich tatsächlich eine recht große Gefahr dar.

Eine weitere Studie mit 1.071 Menschen untersuchte den Zusammenhang zwischen Naturverbundenheit und der Angst vor Spinnen und Schlangen. Das Ergebnis: Je stärker sich die Befragten mit der Natur verbunden fühlten, desto geringer war ihre Angst vor diesen Tieren. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei Menschen, die gerne Zeit in der Natur verbringen und sich für wild lebende Tiere interessieren.

Unsere Erfahrungen und unser Verhältnis zur Natur scheint also durchaus auch eine wichtige Role zu spielen und stellen so womöglich auch ein Potential zur Angstreduktion dar.

Am Ende sind es vermutlich viele Aspekte, die zusammenkommen. In der Summe kann es aber sich nicht schaden, diese faszinierenden Tiere mal ein wenig genauer zu betrachten.

Ich wünsche euch einen schönen gruseligen Abend.

Quellen:
Nikakhtar et al. (2026), Evolution and Human Behavior.
doi.org/10.1016/j.evolhumbehav

Zsido et al. (2022), People and Nature
doi.org/10.1002/pan3.10303

#halloween #spinne #angst #biologie #evolution #natur #psychologie #wissenschaft #wisskomm #anysci

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Wissenschaft als Weg

Heute gibt es einen kleinen Exkurs in die Welt der Mikroskopie.

Viele Strukturen im Inneren unserer Zellen sind so klein, dass sie mit gewöhnlichen Lichtmikroskopen nicht voneinander unterschieden werden können.

Eine Möglichkeit, sie dennoch sichtbar zu machen, ist die sogenannte Superauflösungsmikroskopie. Eine aktuelle Studie aus Göttingen zeigt, wie sich diese Technik weiter verbessern lässt.

Dafür markieren Forschende bestimmte Moleküle mit fluoreszierenden Farbstoffen. Diese können unter dem Mikroskop durch Anstrahlung mit Licht einer bestimmten Wellenlänge zum Leuchten gebracht werden. Allerdings liegen die Moleküle oft so dicht beieinander, dass ihre Lichtsignale verschwimmen. Das hilft dann auch nicht wirklich.

Ein internationales Forschungsteam hat nun untersucht, wie sich diese Methode mit einem Farbstoff namens JF635b weiter verbessern lässt. Das Besondere an ihm ist, dass er selbstständig blinkt. Seine Moleküle können spontan ihre Struktur verändern und wechseln dabei zwischen zwei Formen, von denen eine fluoresziert und die andere dunkel bleibt.

Dadurch leuchten nicht alle markierten Moleküle gleichzeitig, sondern immer nur einzelne nach einem zufälligen Muster auf. Ihre Lichtsignale überlagern sich deshalb kaum noch und lassen sich getrennt erfassen.

Aus jedem dieser Signale lässt sich die Position des jeweiligen Farbstoffmoleküls mit hoher Genauigkeit berechnen. Indem die Forschenden Tausende einzelne Aufnahmen machen und die ermittelten Positionen am Computer zusammenfügen, entsteht nach und nach ein hochaufgelöstes Bild der markierten Zellstrukturen.

Die Forschenden konnten damit unter anderem Mikrotubuli besonders präzise abbilden. Das sind feine, röhrenförmige Strukturen aus Proteinen, die einen Teil des Zellskeletts bilden und unter anderem für die Form der Zelle und den Transport von Stoffen innerhalb der Zelle wichtig sind.

Der Vorteil ist, dass dieser Farbstoff auch ohne spezielle chemische Zusätze zuverlässig blinkt. Das macht also nicht nur das Ergebnis besser, sondern vereinfacht auch die Laborarbeit. Außerdem bleiben die markierten Proben lange stabil und können auch nach Monaten erneut untersucht werden.

Die Studie zeigt damit auch eine andere Seite der Forschung. Nicht jede wissenschaftliche Arbeit entdeckt irgendwelche neuen Prinzipien der Natur. Manche verbessern zunächst die Werkzeuge, mit denen solche Entdeckungen überhaupt erst möglich werden.

Quelle Basak et al. (2026), Nano Letters
doi.org/10.1021/acs.nanolett.6

#nano #microskop #biologie #labor #fluoreszenz #wissenschaft #wisskomm #unigöttingen #anysci

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@K4mpfie

Ja, durchaus!

Eichhörnchen tragen durch ihre Vorräte zur Ausbreitung von Bäumen bei. Aber natürlich gibt es auch Faktoren, die das wiederum begrenzen. Dazu gehören beispielsweise Tiere, die Samen oder junge Pflanzen fressen, aber auch die Konkurrenz zwischen Pflanzen um Licht, Wasser und Nährstoffe. Hinzu kommen klimatische Bedingungen, Brände und natürlich menschliche Eingriffe.

All diese Einflüsse hängen zusammen und beeinflussen sich egenseitig. Die Eichhörnchen sind am Ende nur ein kleines Puzzleteil.

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@jyrgenn

Tatsächlich weiß man gar nicht so genau, wie Eichhörnchen ihre vielen Vorräte wiederfinden.

Es gibt dazu unterschiedliche Beobachtungen. Einerseits spricht einiges dafür, dass sie sich bestimmte Verstecke tatsächlich exakt merken können. In Experimenten mit Grauhörnchen konnten die Tiere beispielsweise noch nach mehreren Wochen versteckte Nahrung ziemlich genau wiederfinden.

Andererseits ist deine Überlegung durchaus plausibel. Die Tiere könnten sich auch an bestimmten Merkmalen ihrer Umgebung orientieren oder gezielt dort suchen, wo sie selbst bevorzugt Vorräte anlegen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass am Ende mehrere Strategien zusammenspielen. In ihre Köpfe reinschauen können wir nicht.

Interessant ist übrigens, dass Fuchshörnchen ihre Vorräte teilweise sogar nach Nussarten räumlich sortieren. Auch das könnte ihnen helfen, den Überblick zu behalten.

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Von Angst und Eichen

Ökologische Zusammenhänge sind immer wieder faszinierend. Eine neue Studie aus den USA zeigt, dass sogar die Angst eines Tieres vor seinen Fressfeinden beeinflussen kann, wo neue Bäume wachsen.

Eichhörnchen sammeln bekanntlich Nüsse und Samen und legen Vorräte für Zeiten an, in denen die Futterquellen knapp sind. Ein Teil dieser Vorräte bleibt jedoch im Boden zurück. Aus diesen vergrabenen Samen können dann neue Pflanzen entstehen. Doch wo die Tiere die Samen ablegen, ist nicht zufällig.

Zwei Forscher der University of Florida untersuchten dazu das Verhalten von Fuchshörnchen (Sciurus niger) in einer Kiefernsavanne im Südosten der USA. Sie verfolgten markierte Eicheln, erfassten die Fressplätze und Vorratsverstecke der Hörnchen und schätzten mithilfe von Futterexperimenten ab, wie hoch die Tiere das Risiko durch Fressfeinde an diesen Orten einschätzten.

Dabei zeigte sich ein interessanter Unterschied. Die Hörnchen fraßen Eicheln bevorzugt an geschützten Stellen unter dem Blätterdach. Ihre Vorräte vergruben sie dagegen eher nicht an diesen geschützten Orten, sondern häufiger weiter entfernt von den Eichen, an offeneren Stellen, an denen sie ein größeres Risiko durch Fressfeinde wahrnahmen.

Das mag zunächst komisch anmuten, macht aber durchaus Sinn. Denn auch andere Eichhörnchen müssen sich dort einem höheren Risiko aussetzen, wenn sie nach fremden Vorräten suchen. Für das Tier, das die Eichel vergraben hat und den genauen Ort kennt, ist das Risiko aber viel niedriger, da es sich nur kurz und gezielt an diesem unsicheren Ort aufhält.

Interessant sind die Folgen dieser Entscheidung für die Eichen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass vergrabene Eicheln mit ganz erheblich höherer Wahrscheinlichkeit keimen als solche, die einfach auf dem Boden liegen.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich die räumliche Verteilung junger Eichen mit den bevorzugten Vorratsverstecken decken. Insgesamt kann man somit durchaus feststellen, dass die Angst der Eichhörnchen vor ihren Fressfeinden indirekt beeinflusst, wo neue Eichen wachsen.

Etwas überspitzt würde ich sogar ableiten, dass das alleinige Vorhandensein entsprechender Beutegreifer einen Einfluss auf die Eichenpopulation hat, ohne dass diese beiden Arten überhaupt direkt etwas miteinander zu tun haben.
So ist das eben in Ökosystemen. Umso wichtiger, sie zu schützen.

Quelle:
Potash & McCleery (2026), Ecology
„Predation risk alters prey caching behavior and resultant tree establishment patterns”
doi.org/10.1002/ecy.70570

#ecology #biologie #eichhörnchen #wissenschaft #wissen #wald #wisskomm #anysci

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@radioscout

Der Begriff „Elektrosmog“ stammt aus der Pressemitteilung der Universität Oldenburg selbst. Ja, das mag etwas unpräzise sein, aber ich würde den Begriff jetzt nicht unmittelbar als esoterisch einstufen, nur weil ein paar von denen den verwenden. Aber, sei es drum.

Untersucht wurden laut Pressemeldung breitbandige elektromagnetische Felder im Frequenzbereich von 10 kHz bis 300 MHz. Die Fledermäuse waren diesen für 30 Minuten ausgesetzt.

Genaueres steht im methodenteil der Studie, bin aber leider gerade unterwegs und kann gerade nicht länger suchen.

Die Studie ist hier veröffentlicht: doi.org/10.1126/science.adq4418

Science Disruptive effects of brief radiofrequency noise exposure on migratory bat navigation How anthropogenic electromagnetic noise can affect living systems is a poorly understood impact of an increasingly urbanized natural environment, especially when occurring in a sublethal manner. In this study, we investigated impacts of weak-broadband ...

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🦇Elektrosmog und Fledermäuse

Viele Zugtiere orientieren sich am Erdmagnetfeld. Dazu gehören nicht nur Zugvögel, sondern auch Mückenfledermäuse.

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass sie ihren Magnetkompass am Sonnenuntergang neu ausrichten. Die Position der untergehenden Sonne dient ihnen dabei als Referenz, um sich später während ihres nächtlichen Zuges am Erdmagnetfeld orientieren zu können.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Oldenburg untersuchte nun, wie sich schwache elektromagnetische Störfelder auf diese Orientierung auswirken.

Solche Störfelder entstehen unter anderem durch Radioantennen, Stromleitungen oder elektrische Geräte und überlagern das natürliche elektromagnetische Umfeld.

Für die Studie setzten sie einige Mückenfledermäuse während ihrer Herbstwanderung in Lettland für kurze Zeit einem schwachen elektromagnetischen Rauschen aus. Anschließend bestimmten die Forschenden anhand der Abflugrichtung, ob die Tiere ihren eigentlichen Kurs noch zuverlässig einschlagen konnten.

Tatsächlich flogen Fledermäuse ohne Störfelder bevorzugt in ihre typische Zugrichtung. Tiere, die elektromagnetischem Rauschen ausgesetzt wurden, wählten ihre Flugrichtung dagegen zufällig.

Dabei spielte der Zeitpunkt des Rauschens (wir erinnern uns an den Sonnenuntergang) keine Rolle.

Die Beeinträchtigung hielt über mehrere Stunden an, obwohl die Fledermäuse dem Störfeld nur kurz ausgesetzt gewesen waren.

Quelle:
Lindecke et al., 2026, Science
doi: 10.1126/science.adq4418

#fledermaus #natur #umwelt #anthropocene #elektrosmog #science #unioldenburg #wissenschaft #wisskomm #anysci

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@Glenmavis

Guten Morgen, entschuldige bitte die späte Antwort. Ich war sehr müde umd schlief früh.

Zu deiner Frage:
Tha, ob oder was diese Erkenntnisse ganz konkret für deinen Alltag bringt, ergibt sich daraus zunächst nicht direkt. Aber ich kann dir den beschriebenen Punkt nochmal zusammenfassen:

Die Studie hilft uns, ein faszinierendes Prinzip unseres Gehirns besser zu verstehen umd zwar, wie Stabilität entstehen kann, obwohl sich die einzelnen Verbindungen ständig verändern.

Stell dir ein bild vor, das aus vielen kleinen Bildern zusammengesetzt ist. Diese kleinen Bilder werden ständig ausgetauscht oder verändert, aber dennoch bleibt das Motiv des großen Bildes grundsätzlich erhalten und erkennbar.

Eine konkrete Bedeutung kann die Erkenntnis sein, dass wirklich jeder Moment deines Lebens dein Gehirn umd auch deine Erinnerungen beeinflusst.

Andererseits frage ich mich aber schon, ob denn Wissenschaft immer eine konkrete Bedeutung (für jeden) haben muss. Bei einem solchen Anspruch würde sicherlich sehr viel verloren gehen.

Ich denke, manches kann auch einfach zum Staunen bringen und vielleicht letztlich auch dadurch den Blick auf die Welt ein Stückchen weit öffnen, ganz ohne unmittelbaren praktischen Nutzen.

· Unlisted

Stabile Erinnerungen

Es gibt Fragen, die mich als Neurobiologin nie losgelassen haben. Eine davon: Wie kann das Gehirn eigentlich stabile Erinnerungen speichern, obwohl sich seine kleinsten Bausteine ständig verändern? Stichwort: Plastizität.

Synapsen, also die Verbindungen zwischen Nervenzellen, sind alles andere als statisch. Sie werden stärker oder schwächer, entstehen neu oder verschwinden wieder.

Was eine Studie der Universitätsmedizin Mannheim jetzt so besonders macht, ist eine wirklich abgefahrene Methodik, um dies genauer zu untersuchen. Da bedauere ich es manchmal doch, dass ich selbst nicht mehr im Labor stehe.

Die Forschenden haben tatsächlich einzelne Synapsen im lebenden Gehirn über zwei Wochen hinweg verfolgt. Und zwar strukturell und funktionell.

Dafür kombinierten sie Optogenetik mit Zwei-Photonen-Kalzium-Imaging.

Eine definierte Gruppe von Neuronen im Hippocampus (dem Zentrum für da Gedächtnis) wurde gezielt aktiviert, während in den verbundenen Neuronen die Aktivität bis auf die Ebene einzelner Synapsen gemessen wurde. Und das alles in wachen Mäusen.

Allein das ist schon bemerkenswert. Normalerweise sind solche Messungen extrem anfällig für kleinste Bewegungen, weshalb sie idR unter Narkose stattfinden, die aber wiederum die Synapsen massiv beeinflusst.

In dieser neuen Studie wurden die Tiere so trainiert, dass sie während der Messung ruhig bleiben, und ein Closed-Loop-System hielt die Bildgebung stabil genug, um dieselben Strukturen immer wiederzufinden. Man verfolgt also nicht irgendeine durchschnittliche Aktivität, sondern exakt dieselbe einzelne Synapse über Tage hinweg.

Auf diese Weise konnte erstmals direkt im lebenden Gehirn und in einem konkreten System zur Gedächtnisbildung gezeigt werden, was bisher nur eher indirekt aus zusammengesetzten Erkenntnissen angenommen wurde: stärkere Synapsen werden stabilisiert, schwächere verschwinden wieder.

Mindestens genauso interessant finde ich aber ein weiteres Ergebnis.

Obwohl einzelne Synapsen kommen und gehen, bleibt die Aktivität ganzer dendritischer Äste (quasi die Ärmchen von Nervenzellen) erstaunlich stabil. Das Gehirn scheint Informationen also nicht in einzelnen „festen“ Verbindungen zu speichern, sondern verteilt über viele parallele Kontakte, die sich gegenseitig absichern.

Genau diese feine Balance aus Plastizität und Stabilität ist es, die Lernen überhaupt erst möglich macht.

Quelle:
Rais & Wiegert (2026), Nature Communication
doi.org/10.1038/s41467-026-713

#unimannheim #gehirn #plasticity #wissenschaft #wissenschaftskommunikation #anysci #synapse #lernen

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Seevögel gegen Erosion

Was haben Seevögel mit dem Fortbestand tropischer Inseln zu tun? Eine ganze Menge, wie eine neue Studie zeigt. Denn die Tiere beeinflussen Prozesse, die für die Stabilität der Inseln entscheidend sind.

Viele flache Koralleninseln sind durch den steigenden Meeresspiegel und zunehmende Küstenerosion gefährdet. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Lancaster University hat deshalb 28 Inseln im Indischen und Pazifischen Ozean untersucht. Dabei verglichen die Forschenden unter anderem die Seevogelbestände, die natürliche Vegetation und die angrenzenden Korallenriffe.

Eine wichtige Rolle spielt der Vogelkot. Seevögel nehmen bei ihrer Nahrungssuche auf dem Meer Nährstoffe auf und transportieren diese zurück auf ihre Brutinseln. Dort gelangen sie über den Kot in den Boden und teilweise weiter ins Meer. Davon profitieren sowohl die Pflanzen an Land als auch die Korallen und Fische in den umliegenden Riffen.

Besonders interessant ist die Wirkung auf die Inseln selbst. Die zusätzlichen Nährstoffe fördern das Wachstum der Korallen, deren Kalkskelette zum Aufbau der Riffe beitragen. Papageifische wiederum tragen bei ihrer Nahrungssuche Kalkmaterial vom Riff ab und produzieren dabei feinen Sand, der an die Küsten gelangen kann. Die Wurzeln der natürlichen Inselvegetation helfen schließlich, das vorhandene Material festzuhalten.

Die Forschenden konnten diese Zusammenhänge tatsächlich quantitativ erfassen. An den untersuchten Riffen im Chagos-Archipel war das geschätzte Wachstumspotenzial auf der Lagunenseite vor rattenfreien Inseln mit großen Seevogelkolonien etwa 1,8-mal so hoch wie vor Inseln mit eingeschleppten Ratten. Auch die mögliche Sandproduktion war dort mehr als doppelt so hoch.

Warum gerade Ratten? Die eingeschleppten Nagetiere fressen Eier und Jungvögel und können Seevogelkolonien ganz erheblich dezimieren. Werden sie von den Inseln entfernt und natürliche Wälder wiederhergestellt, könnten sich die Vogelbestände erholen und damit auch die ökologischen Prozesse, die zum Erhalt der Inseln selbst beitragen.

Faszinierend, nicht wahr? Ganz ehrlich, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich hoffe, ich konnte euch auch zum Staunen bringen.

Quelle Graham et al. (2026), Science Advances
"Seabirds and native vegetation drive ecosystem processes that support atoll island resilience"

doi.org/10.1126/sciadv.aei1145

#insel #korallen #ökologie #science #leibniz #tropen #zmt #biologie #wissenschaft #wisskomm #anysci

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Doppelband-Regenpfeifer

Allein wegen seines Namens hat dieser niedliche Vogel schon einen Beitrag verdient, finde ich. Aber auch sein Zugverhalten ist interessant.

Der kleine Watvogel brütet ausschließlich in Neuseeland, doch nicht alle Tiere verbringen dort das ganze Jahr. Schätzungsweise 70 Prozent fliegen nach der Brutzeit fast 3.000 Kilometer über die Tasmanische See, um in Australien zu überwintern. Vor allem Vögel aus den raueren Binnenregionen der neuseeländischen Südinsel unternehmen diese Reise.

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz hat nun Hinweise darauf gefunden, dass sich dieses Zugverhalten verändert.

Die Forschenden werteten dafür Vogelbeobachtungen aus, die zwischen 2014 und 2025 auf der Citizen-Science-Plattform eBird gesammelt wurden.

Anhand der zeitlichen Verteilung der Sichtungen schätzten sie, wann die Regenpfeifer in ihren australischen Überwinterungsgebieten eintreffen und wann sie diese wieder verlassen.

Dabei zeigte sich eine deutliche Verschiebung. Im Durchschnitt kamen die Vögel jedes Jahr etwa vier Tage später in Australien an. Der Zeitpunkt ihrer Rückreise nach Neuseeland veränderte sich dagegen nicht erkennbar. Damit verkürzte sich die geschätzte Aufenthaltsdauer in Australien innerhalb von elf Jahren von etwa 173 auf 129 Tage.

Die Forschenden vermuten einen Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Seit Jahrzehnten verschiebt sich die Westwindzone rund um die Antarktis zunehmend nach Süden. Für Neuseeland bedeutet das insbesondere in den südlichen Regionen häufiger ruhigeres und milderes Wetter. Tatsächlich trafen die Regenpfeifer vor allen Dingen in Jahren mit entsprechenden Wetterbedingungen später in Australien ein.

Eine lange Wanderung lohnt sich für Zugvögel vor allem dann, wenn die Vorteile die Kosten und Risiken überwiegen. Werden die Winter in Neuseeland milder, könnte es für immer mehr Doppelband-Regenpfeifer günstiger sein, dort zu bleiben.

So scheint es sogar möglich, dass die Wanderung nach Australien langfristig weitgehend verschwindet. Ob einzelne Vögel ihr Verhalten verändern oder sich die Zusammensetzung der Population verschiebt, untersucht ein Forschungsteam inzwischen mithilfe individuell markierter Tiere.

Auch bei unseren heimischen Zugvögeln verändert der Klimawandel längst das Verhalten. Was wir hier beobachten, geschieht auch auf anderen Kontinenten. Weltweit verändern sich mit den klimatischen Bedingungen die Wanderungen vieler Tierarten, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben.

Quelle Jarayseh et al. (2026), Ibis
« A rapid shift in migration schedule of an Austral shorebird is linked to a changing southern climate oscillation »

doi.org/10.1111/ibi.70128

#vogel #ornithology #citizenscience #klima #biologie #birdphotography #australien #wissenschaft #wisskomm #anysci

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Plastik als Zeitzeuge der Menschheit

Kunststoffe werden erst seit knapp einem Jahrhundert in größerem Umfang hergestellt. Dennoch sind ihre Überreste inzwischen weltweit verbreitet und finden sich auch in den Sedimentschichten von Seen, Flüssen und Meeren. Dort könnten sie langfristig zu einem wenig ruhmreichen Zeugnis menschlicher Aktivitäten werden.

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde hat sich mit der Frage beschäftigt, ob sich diese winzigen Kunststoffpartikel als geologische Zeitmarker eignen. Dafür haben die Forschenden die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengetragen und bewertet.

Das Ganze basiert auf der Idee, dass sich nicht nur die Menge der Kunststoffe geändert hat, sondern auch die verwendeten Kunststoffarten.

Diese Entwicklung könnte sich in Sedimenten widerspiegeln. Ältere Schichten könnten andere Kunststoffe enthalten als jüngere. Möglicherweise lassen sich sogar einzelne Ereignisse wie die COVID-19-Pandemie anhand veränderter Kunststoffeinträge erkennen.

Das wäre auch für die Diskussion um das Anthropozän nicht uninteressant, das als offizielle Einheit der Erdgeschichte 2024 allerdings abgelehnt wurde.

Die Idee, menschliche Aktivitäten anhand ihrer Spuren in geologischen Ablagerungen nachzuweisen, ist ja auch gar nicht neu.

So haben beispielsweise die Industrialisierung und die oberirdischen Atomwaffentests den Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff-14 in der Atmosphäre deutlich verändert. Auch künstliche Radionuklide aus den Atomwaffentests lassen sich weltweit in Sedimenten nachweisen und gelten als mögliche Kennzeichen des Anthropozäns.

Wäre es nicht schön, wenn wir es mal schaffen könnten, weniger zerstörerische Spuren zu hinterlassen?

Quelle
Ivar do Sul et al. (2026), Earth-Science Reviews
doi.org/10.1016/j.earscirev.20

#plastik #mikroplastik #mensch #anthropocene #leibniz #Geologie #Umwelt #wissenschaft #wisskomm #anysci

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